Pressemitteilung
Pflegefortbildung des Westens – JHC 2019
Die Ursachen und Auswirkungen von Gewalt und Aggression im Bereich der Pflege verstehen und begegnen können

Wie stellt sich Gewalt in der Pflege dar? Wie können gefährliche Situationen vermieden werden? Und wie kann den Opfern geholfen werden? Diese und weitere Fragen standen im Zentrum des JuraHealth Congresses am 23. Mai 2019 in Köln, der in diesem Jahr unter dem Thema „Umgang mit Gewalt – Konzepte, Strategien, Lösungen“ stand.

MARCO DI BELLA, BERND SCHÖNECK, MAREN VAN LESSEN

JHC Innovationsforum_2

„Alles neu macht der Mai“ war die inoffizielle Devise der diesjährigen Veranstaltung in den Kölner Sartory-Sälen: Neben einem neuen Namen – aus dem bisherigen JuraHealth Congress des G&S-Verlages und der PWG-Seminare ist nunmehr die „Pflegefortbildung des Westens“ geworden – und einem veränderten Auftritt, gab es mit dem erstmalig ausgetragenen Innovationsforum auch einen neuen Wettbewerb, der mit der App „SuperNurse“ seinen ersten Sieger hervorbrachte. Darüber hinaus gesellten sich zur Uniklinik Köln und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) mit dem Transfernetzwerk Soziale Innovation (s_inn) und PMI Sciences zwei neue Kongresspartner. Dazu gab es, das allerdings schon traditionsgemäß, für die über 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer allerschönstes frühsommerliches Wetter in Köln.


Pflegewissenschaftliche und juristische Perspektiven am Vormittag

Wie bereits in den Vorjahren erfolgte die Eröffnung des Kongresses durch dessen Initiator und Präsident, Prof. Dr. Volker Großkopf. In seiner Rede ging er zum einen auf die zahlreichen Neuerungen der Veranstaltungen ein und zum anderen auf die Motivation, das Thema „Gewalt in der Pflege“ erneut (nach 2012) zum Kongressschwerpunkt zu machen. Im Anschluss sprach Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich, die wie Großkopf an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (KatHO NRW) lehrt, in ihrer Funktion als Prorektorin für Forschung und Weiterbildung der Hochschule das erste Grußwort. Als Prorektorin ist Schirra-Weirich auch Ansprechpartnerin für das Transfernetz-werk Soziale Innovation (s_inn). Das zweite Grußwort sprach der Stellvertretende Hauptgeschäfts-führer der BGW, Jörg Schudmann. In seinem Beitrag legte er nicht nur dar, weshalb „Gewalt“ auch ein Thema für die gesetzliche Unfallversicherung ist, sondern auch wie Gewaltereignisse bestenfalls der Berufsgenossenschaft mitzuteilen sind.

Hierzu passend gestaltete sich der erste Redebeitrag, gehalten von Dr. Anja Schablon vom Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). In einer aktuellen Studie, die mit Förderung der BGW vom CVCare unter 1.984 Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialwesens durchgeführt worden ist, gaben 80 % der Befragten an, in den letzten 12 Monaten Gewalt erlebt zu haben. Von den Betroffenen berichteten 94 % über verbale und 70 % über körperliche Gewalterlebnisse. Aus diesen und weiteren Ergebnissen der Studie leiteten die Wissenschaftler Handlungsfelder zur Prävention und Nachsorge ab.

Nach einer kleinen Pause verlagerte sich die Perspektive vom Pflegepraktischen weg zum Juristischen hin. In den beiden folgenden Beiträgen sprachen – umrahmt von den Veranstaltungspunkten des Innovationsforums – zwei ausgewiesene Kenner des Betreuungsrechts: Den Anfang machte Rechtsanwalt und früher Richter Harald Reske, der bis zu seiner Verrentung das Kölner Betreuungsgericht leitete. Mit vielen Beispielen aus seiner langjährigen Berufspraxis als Betreuungsrichter erläuterte er dem Publikum die Feinheiten, die bei der Betrachtung und Anwendung der Rechts-grundlagen bezüglich freiheitsentziehender Maßnahmen (FEM) zu beachten sind. Ihm folgte der auf das Betreuungsrecht spezialisierte Rechtsanwalt Hubert Klein aus Köln. Zu Beginn seines Vortrages verwies Klein zunächst auf das Grundgesetz, das sich just an diesem Tage zum 70. Mal jährte. Im weiteren Verlauf setzte er sich dann intensiv mit den jüngsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur Fixierungsproblematik auseinander.


Psychologische und soziologische Perspektiven am Nachmittag

Die anschließende Mittagspause nutzten viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Besuch der begleitenden Fachausstellung. Danach vollzog das Programm erneut einen Perspektivwechsel: Der Dipl.-Sozialpädagoge und Deeskalationsexperte Ulrich Krämer stellte in seinem Beitrag zielführende Wege zur Konfliktbewältigung vor. Dabei konnte er aufzeigen, dass bereits kleinste Verhaltensänderungen erheblich zu einer Deeskalation von konfliktgeladenen Situationen beitragen können. Einblicke in ein Tabuthema, das nicht selten zu Konflikten führt, gab im Anschluss Gabriele Paulsen: 2014 gründete die Hamburgerin mit Nessita das erste Portal Deutschlands, das erotische Dienstleistungen für immobile Menschen anbietet. Paulsen merkte in ihrem Vortrag an, dass in vielen Einrichtungen das essenzielle Bedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner nach Intimität und Zuneigung nicht erkannt oder sogar missachtet wird. So fehlt es oftmals an den institutionellen Voraussetzungen, wie z.B. genügend Rückzugsmöglichkeiten und ausreichend Privatsphäre. Auch im letzten Beitrag des Tages ging es um sinnliche Erfahrungen und um das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Wahrnehmungswelten. Der bekannte Dipl.-Pädagoge Erich Schützendorf nahm die Kongressbesucher mit auf eine Reise nach „Andersland“, dem Land in welchem viele demenziell erkrankte Menschen leben und in der die von uns selbstverständlich gehaltenen Dinge „anders“ wahrgenommen werden. Mithilfe von eindrucksvollen Videomitschnitten aus der Pflegepraxis richtete Schützendorf den Blick auf eben diese andere Welt und sorgte so für einen tieferen Erkenntnisgewinn beim Publikum.


Auf der Suche nach der Super-Innovation

Zu den absoluten Neuerungen der diesjährigen Veranstaltung zählte das Innovationsforum, einem vom Thema des Kongresses losgelöster Wettbewerb, an dem insgesamt 11 Unternehmen teilnahmen. Das Regelwerk ist einfach: In drei Runden haben bis zu vier Teilnehmer nacheinander jeweils 2 Minuten Zeit, mit einer Bühnenpräsentation das Publikum von sich und ihrem Produkt zu überzeugen; bei einer abschließenden Runde wird dann – unter der strengen Aufsicht des als Unparteiischen fungierenden Richters a.D. Harald Reske – durch Zuschauerapplaus der Wettbewerbssieger ermittelt. Am Ende konnte sich das Team von „SuperNurse“, einer App mit der das lebenslange Lernen der Pflegefachkräfte unterstützt werden soll, erfolgreich vor allen Mitbewerbern durchsetzen.


Wie kann Gewalt und Aggression gemanagt werden?

Neben den abwechslungsreichen Vorträgen und dem Innovationsforum bot sich für die Besucherinnen und Besucher der „Pflegefortbildung des Westens“ auch die Möglichkeit zur Teilnahme an einer der drei Begleitveranstaltungen (Satellitensymposien), die in den Räumlichkeiten des angrenzenden Mercure-Hotels stattfanden.

In der Begleitveranstaltung der BGW erörterten unter dem Titel „Gewalt und Aggression managen? – Beispiele und Anwendung in der betrieblichen Praxis“ 100 Besucher im sehr gut gefüllten Konferenzsaal „Bauer“ Mittel und Wege, dem Problem beizukommen. „Wir tun gut daran, dass wir die Arbeitsbedingungen so gut gestalten wie’s geht. Nicht nur Arbeitnehmer sind gefordert ihre Resilienz herzustellen, sondern es ist auch ein Thema von Personaleinsatz und Fortbildungsangeboten“, merkte Rahwa Gebrekiros von der Kölner Geschäftsstelle der BGW an, die die Begleitveranstaltung moderierte.

Zu Beginn vertiefte Dr. Anja Schablon vom CVCare die Ergebnisse der von ihr bereits im Hauptprogramm vorgestellten Studie: So würden 21% der 1.984 befragten Beschäftigten von täglicher verbaler Gewalt berichten, 10% seien sogar täglich oder beinahe jeden Tag mit körperlicher Gewalt konfrontiert. „Aggression und Gewalt gehören für viele Beschäftigte zum beruflichen Alltag“, so Dr. Schablons Schlussfolgerung. Mindestens ebenso bedenklich ist das oft unzureichende Angebot in Einrichtungen zur Prävention und Nachsorge für von Gewalt betroffene Mitarbeiter. „Leider sagten 22% der Befragten, dass es überhaupt keine Angebote zur Gewalt gibt – weder Fallbesprechungen, Nachsorgegespräche, technische Notfallsysteme, Deeskalationstrainings oder Handlungsanleitungen.“ Dabei habe gerade die Nachsorge eine sehr wichtige Rolle, um einen Burn-Out vorzubeugen. „Und 60,1% der Befragten wussten gar nicht, dass Übergriffe Arbeitsunfälle sind, für die man Hilfe der Berufsgenossenschaft erhalten kann“, so Schablon weiter.

Einen vorbildlichen Weg, um Gewaltfällen im Arbeitsalltag zu begegnen, zeigte Christian Janßen, Psychologe der Bethel-Stiftung, auf. Die Stiftung, die in acht Bundesländern Wohnheime und Arbeitsstätten für Menschen mit Behinderung anbietet, hat vor einigen Jahren eine Dienstvereinbarung zur Gewaltprävention abgeschlossen. Dem vorausgegangen war auch hier ein Anstieg der Gewaltfälle: Gab es unter dem Dach der Stiftung im Jahr 2011 14 Fälle von schwerer Gewalt, waren es 2012 schon 25 und bis Oktober 2013 sogar 33 schwere und zum Teil sehr schwere Vorkommnisse. „Wir hatten einige Fälle, wo die Kollegen froh sein können, dass sie noch am Leben sind“, erinnert sich Janßen. Die Auslöser seien unterschiedlich gewesen – neben Widerstand gegen Pflegetätigkeiten, der Verweigerung von Medikamenten-Einnahmen oder Konflikten mit Mitbewohnern habe sich in 38% der Fälle kein nachvollziehbarer Anlass für den Gewaltausbruch gefunden. Doch der Psychologe regte auch zum Perspektivwechsel an. „Wer von Ihnen möchte schon in einer WG mit 8 bis 15 anderen Personen leben, die Sie sich nicht ausgesucht haben?“ fragte er in den Saal. Zusätzlich befördere der Paradigmenwechsel weg von der stationären Versorgung hin zur ambulanten Betreuung die Schwierigkeiten in der Heimarbeit. „Personen mit leichteren Behinderungen werden heute ambulant betreut. In den Einrichtungen bleibt dann der harte Kern zurück, die in Nachbarschaften Probleme bereiten würden.“

Den Abschluss des Symposiums bildete Thomas Steinwedel, der Sachverständige für Brand- und Arbeitsschutz im DGSV ist. Mit anschaulichen Beispielen demonstrierte Steinwedel, welche Systeme von Notsignalanlagen es als Maßnahme für Gewaltprävention gibt: Die Auswahlmöglichkeiten reichen von bereichsbezogenen Notfallpiepern mit stillem Notfallalarm, über Telefonanlagen mit Notfall-Kurzwahlen bis hin zur Ausstattung mit speziellen Sendern. „Die Systeme müssen nur immer individuell auf den Nutzer angepasst sein“, betonte Steinwedel. Keineswegs gebe es Mustersysteme, die für jede Einrichtung passend seien.


Fazit

Bereits in elf Monaten, am Donnerstag, 23. April 2020, geht es mit der 13. Auflage der Pflegefortbildung des Westens im Kölner Sartory weiter. Unter dem Motto „Die Zukunft der Pflege – Hoffnungslos war gestern?“ beleuchten wir mögliche Wege aus der Pflegemisere, zu denen Substitution und Delegation, das neuartige niederländische „Buurtzorg“-Pflegekonzept sowie Personaluntergrenzen, Technisierung sowie neue Möglichkeiten und Modelle der Dienstplangestaltung gehören.